Postpartale Depressionen

Das Fremde in ihr

Nichts auf dieser Welt ist selbstverständlicher als die Liebe einer Mutter – augenscheinlich. In Deutschland leiden Zehn bis 20 Prozent der Mütter  unter postpartalen Depressionen, die es ihnen unmöglich machen ihre Kinder zu lieben. Aus Scham und Angst verheimlichen die Betroffenen ihren Gemütszustand. Mit verheerenden Folgen.

Nicole liegt in den Wehen. Keine neue Erfahrung für sie, denn sie erwartet bereits ihr zweites Kind. Doch diesmal sollte alles anders kommen als gedacht. Bereits die Schwangerschaft barg großen Strapazen. Die Entbindung verlief nicht besser: „Es war schrecklich. Zwei Ärzte drückten das Kind immer weiter nach unten. Sie saßen förmlich auf meinem Bauch“, sagt Nicole. Nach der Geburt legen ihr die Ärzte das Neugeborene stolz auf die Brust. Die 35-Jährige ist überrumpelt von der schnellen Geburt. Sie schaut ihrem Kind irritiert in die Augen. Doch das vertraute Gefühl, der ihr bereits bekannten Mutterliebe, stellt sich nicht ein. Auch in den kommenden Tagen schafft sie es nicht eine innige Beziehung zu ihrem Baby aufzubauen. Negative Gedanken werden ihr ständiger Begleiter.

„Ich empfinde nichts für mein Kind.“

So wie Nicole geht es vielen Frauen in Deutschland. Zehn bis 20 Prozent der Mütter leiden unter postpartalen Depressionen. Trotzdem ist die Krankheit kaum bekannt. Als Tabu-Thema abgetan mangelt es an umfassender Aufklärung für schwangere Frauen. Zu unglaublich erscheint die emotionalen Kälte, die eine Mutter für ihr Kind empfindet. Selbst Ärzte tun sich mit der Diagnose schwer. Die Symptome werden als hormonelle Verstimmung nach der Geburt abgetan und bleiben deshalb unbehandelt. Auch für die Angehörigen der Betroffenen beginnt eine schwere Zeit. Der Umgang mit depressiv Erkrankten ist verunsichernd und schwer nachvollziehbar.

Am eigenen Perfektionismus scheitern

Nicoles Leben verlief bis zu dem Tag ihrer zweiten Geburt immer nach Plan: Sie absolvierte das Abitur mit guten Noten, studierte an der Universität und lernte dort ihren Mann kennen, sie heiraten und schon bald sie wurde mit ihrem ersten Kind schwanger. Das Glück der dreiköpfigen Familie ließ sich durch nichts trüben. Nicole und ihr Partner wünschten sich noch ein Kind und so sollte zu dem Dreier-Team noch ein neues Mitglied hinzukommen. „Mein ganzes Selbstbild wurde zerstört. Ständig habe ich mir gedacht: ‘Du wolltest das Baby also musst du jetzt auch funktionieren.’ Aber es war unmöglich“, sagt Nicole. Sobald wenn das Baby anfängt zu schreien fängt Nicole unkontrolliert an zu zittern und erleidet Panikattacken: „Ich fühle mich hilflos. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich es nur mechanisch versorgen kann. Jeden Tag warte ich darauf es endlich zu lieben.“

Lernen Schwäche einzugestehen

Hilfe fand sie bei der Beratungsstelle „Schatten und Licht e.V.“. Dort erhalten hilfesuchende Mütter telefonische Beratung und können an Selbsthilfegruppen teilnehmen. Frauen mit stärkeren Symptomen werden an Fachleute oder Mutter-Kind-Kliniken weitervermittelt.

Sandra Varnhorn ist Familienbegleiterin, berät besorgte Mütter am Telefon und organisiert Gruppensitzungen. „Wir leben in einer Leistungsgesellschaft und niemand gesteht sich gerne Schwäche ein aber es ist wichtig, dass sich die Betroffenen Hilfe holen. Umso früher mit der Behandlung begonnen wird, desto eher können sie geheilt werden“, so Varhnhorn. Nach Ansicht der Expertin versuchen die betroffenen Mütter augenscheinlich die Fassade der glücklichen Mutter zu wahren. „Werden die Depressionen frühzeitig erkannt besteht sehr gute Heilungschancen“, sagt Sandra Varnhorn. Ein häufiges Problem bei der Diagnose sei die Verwechslungsgefahr mit dem Babyblues.

Depressionen und den Babyblues zu unterscheiden wissen

Acht von Zehn Frauen erleben nach der Geburt den Babyblues. Er tritt in den ersten zehn Tagen nach der Geburt ein und wird durch den Hormonabfall nach der Schwangerschaft ausgelöst. Während des Babyblues fühlen sich die Betroffenen müde und erschöpft, antriebslos und traurig. Nach ein bis zwei Tagen vergeht dies wieder von selbst. „Alles was über diesen Zeitraum hinaus geht deutet auf eine postpartale Depression hin und muss unbedingt behandelt werden“, stellt Varnhorn von „Schatten und Licht“ klar. Laut der Expertin müssen Angehörige mit der Betroffenen besonders sensibel umgehen. Durch die Depressionen seien die Mütter extrem reizbar. Dies würde durch den Schlafentzug noch verstärkt. In besonders schlimmen Fällen erleiden die Betroffenen Suizid- und Zwangsgedanken, sich oder dem Kind etwas anzutun. Die Gründe warum manche Frauen an postpartalen Depressionen erkranken und andere nicht sind nach Angaben der Familienbegleiterin unterschiedlich: „Oftmals ruft die Schwangerschaft und die Geburt des eigenen Kindes traumatische Erfahrungen aus der eigenen Kindheit hervor.“ Was aber muss passieren, damit postpartale Depressionen nicht chronisch werden und die Mutter-Kind-Bindung gefährden.

Herausforderung: Lieben lernen

Karin Grossmann ist freie Wissenschaftlerin am Psychologischen Institut der Universität Regensburg und führend in der deutschen Bindungsforschung: „Damit das Kind keinen psychischen Schaden nimmt, müssen postpartale Depressionen in den ersten zwei Monaten erkannt und behandelt werden.“ Laut Grossmann muss unbedingt dafür gesorgt werden, dass dem Baby beständige Pflege von seelisch gesunden Menschen zukommt. Deshalb sei es wichtig, dass Angehörige und Freunde die erkrankte Mutter entlasten oder die Betroffene eine Mutter-Kind-Klinik aufsucht. Dort werde dafür gesorgt, dass die Mütter lernen eine Verbindung zu ihrem Kind aufzubauen.

Erste Schritte Richtung Familienglück

Sind postpartale Depressionen erstmal erkannt, geht die Heilung schnell voran. Nachdem Nicole regelmäßig die Selbsthilfegruppe besucht und die ersten Therapiegespräche hinter sich gebracht hat, fühlt sie sich von Tag zu Tag besser. „Es ist schon ein Alptraum, der uns da erwischt hat. Aber es geht aufwärts auch wenn ich es nicht mehr für möglich gehalten habe. Alleine hätte ich es nicht geschafft.“

Bildquellen:

Bild Babybauch: JMG / pixelio.de

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