CCTV+ News Content

Meine Zeit bei China Central Television

Als Ausländer gewährt CCTV normalerweise nur Festangestellten einen Blick hinter die Kulissen des größten Staatssenders in China. Selbstverständlich bin ich stolz, dass mir trotzdem – auch wenn nur für kurze Zeit – sehr tiefe Einblicke in die chinesische Propaganda-Arbeit erlaubt wurden.

Zunächst möchte ich erklären, wie ich überhaupt an die Stelle gekommen bin. Über eine Bekanntschaft in einem Starbucks wurde mir der Kontakt zu einer Angestellten von CCTV vermittelt, der ich anschließend meinen CV zusenden konnte. In China läuft alles über Guanxi – der chinesischen Art des Networkens. Die Fähigkeit einem Chinesen, der zukünftig ein wichtiger Geschäftspartner werden könnte, so nahe zu kommen, dass er dir weiterhelfen und Türen öffnen wird, ist für Erfolg in China essenziell. Nachdem mein CV die erste Tür geöffnet hatte, erhielt ich den Kontakt zu dem Chef von CCTV+, der Produktion des News Content. Dort sollte ich auf Grund meines Abschlusses in Online-Journalismus und meiner bisherigen Arbeitserfahrung im Multimedia Team arbeiten.

Willkommen im Multimedia Team von CCTV

Meine Aufgaben sollten das Monitoren von den wichtigsten westlichen Social Media Kanälen sein. Dabei suchte ich nach Trends, die direkt oder auch indirekt mit China zu tun haben. Primär sollte ich auf dem CCTV News Blog veröffentlichen, der gleichzeitig als Themen-Pool für den WeChat-Newsletter dient. Sobald ich ein Thema gefunden hätte müsse ich es nur der Chefredakteurin vorstellen. Wenn sie zustimmt gelangt mein Vorschlag nochmal eine Stufe höher. Wenn es von dort keine Einwände gibt stünde es mir frei dieses Thema auch zu recherchieren und eine Story zu schreiben. Für die anderen Themen erhalten die Redakteure dort das Recherche-Material bereits vorgefertigt von der Propaganda-Abteilung.

Nach einfachsten Google-Recherchen stieß ich eines Tages auf eine Meldung, die von der chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua veröffentlicht wurde. Sie besagte, dass 60% des chinesischen Grundwassers unwiederbringlich verseucht sind. Mit der Vermutung im Hinterkopf, dass diese Meldung sicherlich nicht abgesegnet werden würde, fragte ich meinen Sitznachbarn. Der schüttelte nur den Kopf: „Ganz sicher nicht.“ Als die Chefredakteurin mich kurz vor Feierabend um eine Zusammenfassung des Tages bat ließ’ ich die Meldung trotzdem nicht aus. „Und das hat unsere Nachrichtenagentur herausgegeben?“, ihre Augen weiteten sich. Sie stand auf: „Wieso hat das von euch keiner gefunden?“ Sie schaut meine chinesischen Kollegen erwartungsvoll an. Ich rutsche tiefer in meinen Stuhl, sehe ich hier doch gerade das freundliche Arbeitsklima für mich flöten gehen. Meine Kollegen rechtfertigen sich. Auf baidu sei nichts zu finden gewesen. Meine Chefredakteurin kontrolliert. Ich parallel gleich mit. Selbstverständlich hatten die chinesischen Medien diese Meldung unter den Tisch fallen lassen. Auf baidu – dem chinesischen Google – ist kein einziger Beitrag zu finden. Logischerweise. Wird diese doch von der chinesischen Regierung zensiert. Meine Chefredakteurin wendet sich wieder mir zu: „Du bist sehr gut darin Dinge zu finden. Ich stelle dich jemandem aus dem großen News-Room vor. Die brauchen dort dringend Unterstützung.“ Während ich einwende, dass ich im Multimedia Team eigentlich genau das machen was ich am besten kann und es nicht nötig ist mich zu versetzen, schiebt sie mich in den riesigen Raum nebenan. Und dort  in einen kleineren separaten Raum an dessen Tür auf Chinesisch „Professoren“ steht. Meine Chefin unterhält sich kurz mit einer anderen Chinesin und stellt mir meine neue Chefin vor. Sie erklärt ihr wo ihrer Meinung nach meine Stärken liegen. Am nächsten Morgen soll ich in mein neues Aufgabenfeld im Planning Departement eingewiesen werden.

Fortan überwache ich die deutschen Medien, CNN und Russia Today. Den ganzen Tag bin ich auf der Suche nach Berichten über China oder Konflikte in die China direkt oder indirekt verwickelt ist oder die China langfristig tangieren könnten. Dabei geht es nicht darum den Inhalt der Nachrichten zusammenzufassen sondern ich lese aus diesen Beiträgen die Meinung des Journalisten heraus und fertige darüber Berichte an, die jeden Tag um halb vier den sogenannten „Leadern“ vorgestellt werden.

Als sich Li Keqiang, Chinas Ministerpräsident, auf eine Reise nach Afrika begibt, herrscht unter meinen neuen Kollegen Aufruhr. „Elena du übernimmst jetzt auch noch die afrikanische Presse. Dieser Besuch ist wirklich wichtig“, macht mir meine Kollegin eindrücklich klar. China investiert derzeit sehr viel in Afrika. Eigene Stellungnahme: Um dem vergessenen Kontinent endlich bei der Entwicklung zu helfen. Unterstellung des Westens: Um an Rohstoffe wie Öl und Kupfer zu gelangen. Selbstverständlich soll dann gefälligst von dort auch positiv berichtet werden. Äthiopien, Angola und Kenia berichten brav und kündigen die Ankunft von Li Keqiang auf den Titelseiten an. Als er Nigeria erreicht bricht unter meinen Kollegen leichte Panik aus. Kein einziger Bericht, mit keinem Wort wird Li Keqiang erwähnt. Es tritt eine Was-sollen-wir-denn-jetzt-nur-machen-Stimmung ein. Schließlich muss den Leadern pünktlich um halb vier wieder etwas präsentiert werden. Ich schlage vor, dass wir die ausbleibende Berichterstattung mit den entführten nigerianischen Mädchen rechtfertigen. Am kommenden Tag verspricht Li Keqiang (24 Stunden nach Barack Obama) bei der Suche nach den verschleppten Mädchen zu helfen. Die Nigerianische Presse überschlägt sich mit Meldungen auf der Titelseite. Die Arbeitsatmosphäre ist wieder entspannt.

Von ausländischen Kollegen aus dem Multimedia Team wurde ich zu Beginn meiner Zeit bei CCTV subtil darauf hingewiesen aufzupassen was ich sage. Auch mit Fragen halte ich mich anfangs zurück und erschließe mir erst Stück für Stück aus welchen Gründen ich diese Arbeit mache und wozu die Berichte verwendet werden. Ziel meiner Arbeit ist es die Medienprodukte von CCTV zu verbessern. Doch in welcher Hinsicht verbessern? Dass Staaten die internationale Berichterstattung überwachen dürfte international verbreitet sein – also nichts besonderes. Bei CCTV geht es darum zu sehen in welchem Kontext die kostenlos zur Verfügung gestellten Videos verwendet werden. Die Propaganda-Abteilung gibt zu den Videos Skripte heraus, in dessen Kontext die Videos präsentiert werden sollen. Unnötig zu sagen, dass Sender wie BBC oder CNN nicht die mitgelieferten Propaganda-Texte verwenden. Was bei den Entscheidungsträgern des größten Staatssenders in China logischerweise zu Unmut führt. Weiteres Ziel ist Agenda Setting. Durch die genaue Einsicht in die negativen Schwerpunkte in der internationalen Berichterstattung kann als Gegengewicht gezielt positive Nachrichten gestreut werden, die diese widerlegen oder relativieren. Beispielsweise lieferte ich jeden Tag aus eigenem Interesse gezielt negative Berichte über die Umweltverschmutzung in China, insbesondere Beijing, ab. Bis irgendwann – zumindest in den Medien – der Krieg gegen die Verschmutzung in Beijing angekündigt wurde.

Zu Beginn meiner Arbeit hatte ich mit einem schlechten Gewissen zu kämpfen. Der ganze Ablauf meiner Arbeitserfahrungen bei CCTV fasziniert mich trotzdem heute noch. Wie ich an den Job gelangt bin, wie ich aus dem Nichts “versetzt” wurde und dann als Ausländer für so kurze Zeit dann auch noch in diesem Aufgabenbereich eingesetzt wurde. Das ist das was für mich China ausmacht. Aus dem Nichts eröffnen sich dir Chancen und Möglichkeiten, die es nur zu ergreifen gilt. An meinem letzten Tag verabschieden sich meine Kollegen herzlich von mir und bedanken sich für meine effektive und harte Arbeit mit dem Angebot jeder Zeit zurückzukehren und fest bei CCTV zu arbeiten. Wo in Deutschland passiert so etwas?

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