Digital Detox

„Digitaler Soziopath“, rufen mir zwei jüngere Männer aus dem Auto nach, während sie mich beinahe überfahren. Unbeirrt laufe ich weiter über den Kiez. Mein Gesicht nach unten gerichtet mit Blick auf den heiligen Gral der Erleuchtung: Mein Samsung Galaxy S4.

Mit schnellen Schritten eilen wir auf Weihnachten zu. Die Zeit der Heuchelei und Besinnung. Plötzlich interessieren sich alle wieder für die guten „alten“ Werte und die Quality Time mit der Familie, bei der man das Smartphone besser beiseitelegt. Zumindest lehrt uns dies der neue Telekom-Spot. Vielen Dank liebes Telekommunikationsunternehmen. Womit verdienst du nochmal dein Geld?

Seit ein paar Wochen entwickle ich mit meinem Arbeitskollegen eine Marke mit passender Kampagne zum Thema „digital Burnout“. Was etwas bizarr ist, denn wir sind beide bekennende Onliner. Seitdem durchforste ich das Internet nach passenden Quellen: Eine Parallelwelt tut sich vor mir auf. Offensichtlich geht das Retro-Hipster-Gedöns weit über prächtige Bärte, Rennräder und Opas Flanellhemden hinaus. Wählscheiben-Telefone, mit Film fotografieren oder Geld dafür auf den Tisch legen um irgendwo im Hinterland ein Wochenende ohne Internet zu verbringen, scheint in gewissen Kreisen wieder en Vogue zu sein. Friss das Internet!

Also habe ich mir selbst die Challenge gesetzt: Digital Detox. Gezwungenermaßen um ehrlich zu sein. Ich gehe davon aus, dass sich mein Telekommunikationsanbieter den Spot der Telekom etwas zu häufig zu Gemüte geführt hat. Denn mit dem Anschluss ließ er sich entspannte zweieinhalb Wochen Zeit. Ich beschloss diese Zeit für mein Eigenexperiment zu nutzen und verzichtete auf Alternativlösungen. Die vermeintliche Flatrate auf meinem Smartphone und das WLAN in der Uni sollten die Zeit schon ausreichend überbrücken.

Wieder einmal musste ich feststellen, dass ich meine Selbstverarsche  mittlerweile bis zu einem gefährlichen Grad perfektioniert hatte. Aber immerhin. Vielleicht ist das ja was für die besonderen Fähigkeiten im Lebenslauf?

Nach geschlagenen zwei Tagen machte meine „Flatrate“ schlapp. Da ich aus Prinzip keinen Kabelanschluss mehr besitze und mein mobiles Internet selbst gegen einen Senior mit Rollator verloren hätte, war ich  von der Außenwelt abgeschnitten.

digitaldetox

(Quelle: realfunny.net)

Was macht also eine Frau von Welt? Richtig. Sie ersetzt eine Droge mit einer Ersatzdroge. Meine Netflix-Sucht konnte relativ einfach mit einem DVD-Player und meiner eingestaubten Sammlung glänzender Scheiben kompensiert werden. Immer wieder erstaunlich, dass man einmal den gleichen Preis für eine DVD investiert hat, den man heute für ein Monatsabo bei Netflix hinblättert.

Back to topic. Dass ich in der Lage bin ohne Internet zu überleben, habe ich mir in New York und Beijing bereits beweisen können. Aber sämtliche Gegebenheiten direkt nach einem Umzug gänzlich ohne Internet zu organisieren, war durchaus eine Herausforderung. Wie selbstverständlich schickte mir mein Netzwerk weiterhin Videos, Links und Film-Empfehlungen, Skype-Anrufe häuften sich und meine Arbeit musste so lange liegen bleiben bis ich in der Uni wieder auf das WLAN zugreifen konnte. Während ich in Dauerschleife wiederholte, dass ich derzeit kein Internet habe, erntete ich entsetzte Blicke: „Immer noch nicht?“ Ja! Immer noch nicht (Fügt hier bitte in euren Köpfen einen passiv-aggressiven Unterton ein).

Extrem passend in dem Kontext ist selbstverständlich auch mein Beruf als Consutant für Corporate Communication und Social Media. Morse- oder Rauchzeichen ins 21.Jahrhundert zu befördern scheinen die digital Detox-Hipster vergessen zu haben. Also gilt: Anstatt passende Alternativlösungen zu entwickeln, bleibt es bei digitalem Nihilismus.

Was ich erstaunlich fand: Nach einer Zeit gewöhnt man sich tatsächlich daran. In meiner Vorstellung sitze ich als grauhaarige Oma an der Heizung vor meinen Enkeln und berichte ihnen von diesen zwei Wochen, während sie mir mit großen Augen lauschen. Genauso wie die Kriegsgeneration mir davon berichtete, während des zweiten Weltkriegs Kartoffelschalen gegessen zu haben.

maslow

(Quelle: Tumblr – Burner State of Mind)

Normalerweise nutze ich die Zeit, die ich am Wochenende damit verbringen muss meine Aktivitäten vom Vorabend auszukurieren, immer zum Arbeiten. In den letzten zwei Wochen habe ich mich stattdessen wirklich einmal ausgeruht und fühlte Montagmorgens sogar ansatzweise so etwas wie Entspannung.

Doch was war es wirklich, dass mir in den zwei Wochen gefehlt hat? Lustige Katzen-Videos, Netflix, Spotify, Snapchat, Instagram? Ehrlich gesagt nicht. Sondern mein Drang alles zu recherchieren, nachzulesen und tiefer in Themen einzutauchen. Genau das wird durch digital Detox fast vollständig beschnitten. Das Internet eröffnet unbegrenzten Zugang zu Wissen. Und zwar für jeden, der sich auf dieser Welt glücklich schätzen kann einen Anschluss zu besitzen. Irgendwie lustig, dass mir genau das fehlt auf dessen Fundament das Internet entwickelt wurde. So viel zu der verdummenden Jugend, die nicht mehr an Bildung interessiert sei. Was schließlich immer wieder beliebtes Monolog-Thema alter Herren ist, die sich für clever halten, nur weil sie ihre Abschlussarbeiten noch auf der Schreibmaschine abgetippt haben.

Also was hat mir die Zeit gebracht, die ich ohne konstanten Zugang zum Internetz verbringen durfte? Ich kann mich nun besser in Menschen hineindenken, die sich der Digitalisierung entziehen wollen. Und auch diejenige, die sich durch die always-on Kultur – bis hin zum digital Burnout – unter Druck gesetzt fühlen. Doch letztendlich liegt die Lösung (wie immer) in jedem selbst. Jeder muss für sich entscheiden, wie viel Digitalisierung für ihn persönlich gesund ist.

Medienkompetenz ist die Schlüsselqualifikation der Zukunft. Denn letztendlich wächst ein Sucht-Problem oder eine psychische Erkrankungen im Innern heran. Dem Smartphone oder dem Internet die Schuld dafür zu geben, ist in diesem Kontext kontraproduktiv. Die Digitalisierung eröffnet unendlich viele neue Chancen und Möglichkeiten. Sich selbst oder seinen Kindern aus Unbedarftheit den Weg in die Zukunft zu verweigern, wäre fatal.

Trotzdem würde ich jedem Onliner empfehlen sich selbst einmal der digital Detox-Challenge zu stellen. Höchstwahrscheinlich werden es die meisten nicht machen. Denn seien wir ehrlich: The Interwebz is fucking awesome!

Let-Me-Introduce-You-To-The-Internet-Meme-01

 

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